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Die gegenwärtige Gesellschaft als „postreligiös“ oder „postmetaphysisch“ zu bezeichnen, so eine der provozierenden Thesen der hier vorgelegten Arbeit, verfehlt systematisch den Kern der herrschenden Form von Vergesellschaftung, nämlich die Tatsache, daß die von allen sozialen Bindungen tendenziell losgelösten Individuen in der „Kultur des neuen Kapitalismus“ (Richard Sennett) einem metaphysischen Prinzip unterworfen sind, welches sie effektiver und un(an)greifbarer beherrscht, als dies vordem Götter, Geister und Dämonen jemals vermocht haben.
Gott als die seinem Begriff nach immer schon daseiende Negation des Menschen, Un-Mensch schlechthin, erhält sich durch seine moderne Abschaffung hindurch und kommt in dem auf Ewigkeit angelegten autopoietischen Gesellschaftsprozeß in Gestalt der herrschenden abstrakten Systemrationalität erst zu sich selbst.
Im Zeitalter der Individualisierung feiern daher die „Kinder der Freiheit“ nicht ihre endgültige Emanzipation von jeglicher Herrschaft, sondern hier emanzipiert sich die innere Logik der Marktgesellschaft von den konkreten Menschen ebenso wie von der materiellen Realität insgesamt. Das zwischen Selbstvermarktung, Selbstinszenierung, hilflos zappelnder Sinnsuche und zielloser Gewalttätigkeit schwankende (post)moderne Individuum muß täglich je für sich selbst den Gottesbeweis erbringen, ein gesellschaftstaugliches Individuum zu sein.
Mit theoretisch breit angelegten Untersuchungen, u.a. zum Begriff des transzendentalen Subjekts bei Kant, zum Warencharakter des Individuums bei Marx und zur Konzeption der Einzigkeit im Werk des Individualanarchisten Max Stirner, arbeitet der Autor den theologischen Gehalt gegenwärtiger Vorstellungen von Individualität sowie der im Anschluß an die Arbeiten von Ulrich Beck populär gewordenen Individualisierungstheorie heraus, die sich damit als „Theologie nach dem Tod Gottes“ und intellektueller Flankenschutz für die mit brutaler Konsequenz voranschreitende Modernisierung erweist.
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